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Offener Brief: Weihnachtsgruß aus Moria II/Kara Tepe II (23.12.2020)

Selbstorganisierte Flüchtlingsgruppen aus dem neuen Moria wenden sich zu Weihnachten an Europa 

“Liebe Europäerinnen und Europäer, sehr geehrte Frau von der Leyen, wir wünschen Ihnen ein frohes Weihnachtsfest aus dem neuen Flüchtlingslager auf Lesbos. Wir hoffen, dass Sie trotz der Schwierigkeiten, die wir alle aufgrund der Corona-Pandemie haben, schöne Feiertage haben werden. Wir sind vor drei Monaten, nachdem das alte Camp in Moria niedergebrannt ist, in ein neues Lager umgezogen und leben hier mit 7000 Flüchtlingen. Im September wurden uns bessere Bedingungen im neuen Lager versprochen und wir haben diese Versprechen gerne gehört und darauf gewartet, dass sie erfüllt werden.

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Leider ist seitdem nicht wirklich etwas passiert. Noch immer warten wir auf genügend warme Duschen. Wenn es regnet, wird das Lager überflutet und Zelte werden nass.

Wir haben keine Heizungen, die uns und unsere Kinder warm halten, keine Schulen oder Kindergärten. Wenn wir krank werden, warten wir stundenlang auf medizinische Behandlung und das Essen, das wir bekommen, ist zwar ausreichend, aber nicht gesund.

Auch wurde uns versprochen, dass unsere Asylverfahren endlich beschleunigt würden, aber immer noch warten zu viele von uns, einige seit mehr als einem Jahr auf ihre Interviews. Stattdessen sitzen wir hier in der Vorhölle und haben nichts anderes zu tun als zu warten. Die Situation ist teilweise noch schlimmer als vor dem großen Brand. Nur die Sicherheit ist besser geworden, aber trotzdem gibt es nachts kein Licht im Lager.

Im alten Moria konnten wir uns selbst organisieren, wir hatten kleine Schulen, Läden und viele andere Aktivitäten betrieben. Im neuen Lager ist das nicht möglich. (…) Haben wir keine Rechte als Menschen und Flüchtlinge in Europa, die eine Grundversorgung für jeden beinhalten?
Oft lesen und hören wir, dass wir in diesen Lagern wie Tiere leben müssen, aber wir denken, dass das nicht stimmt. Wir haben die Gesetze zum Schutz der Tiere in Europa studiert und wir haben herausgefunden, dass sogar sie mehr Rechte haben als wir. (…)

Genießen wir hier im neuen Camp diese Rechte? Sorry: Nein. Vielleicht haben wir keinen Hunger, aber wir leben in keiner “angemessenen Umgebung”, wir haben keine Freiheit von Schmerz und Not. Keiner von uns ist in der Lage, normales Verhalten zu zeigen, weil wir den ganzen Tag darum kämpfen müssen, etwas Wasser zum Reinigen und Essen zu organisieren und um ein warmes Plätzchen zu bekommen. Wir alle leben in Angst und Not.

Eine neue Studie besagt, dass Flüchtlinge auf griechischen Inseln so deprimiert sind, dass jeder Dritte an Selbstmord denkt. Deshalb fragen wir Sie ganz ehrlich: Würden wir auch so behandelt werden, wenn wir Tiere wären? Also haben wir beschlossen, Sie zu bitten, uns die einfachen Rechte zu gewähren, die Tiere haben. Wir würden uns freuen, wenn wir diese erhalten und versprechen Ihnen, dass Sie keine Klagen mehr von uns hören werden. Wir wollen nicht mehr hören, dass unsere Situation nicht so schlimm ist.

Wir laden alle, die so denken, ein, nur für eine Nacht in unserem Camp zu bleiben. Nach einem schrecklichen Jahr, in dem wir hier leben mussten, ist dies unser Wunsch für Weihnachten. Er ist einfach und wir denken, dass es nicht länger als drei oder vier Wochen dauert, ihn zu erfüllen.

Wir bitten nicht um weitere Spenden oder Geld für die Instandsetzung der Infrastruktur. Wir haben in den Zeitungen gelesen, wie viele Millionen bereits ausgegeben wurden und viele von uns sind Ingenieure, Elektriker, Ärzte und wir wissen, dass es nicht sehr viel Geld braucht, um ein solches Lager in Stand zu setzen.

Wenn Sie uns helfen wollen, fragen Sie stattdessen bitte: Wo ist das ganze Geld geblieben? Warum hat es uns nicht erreicht? (…) Wir sehen viele Spendenaufrufe und Versprechungen und wir sehen unsere Realität und das macht uns frustriert und wütend.

Lassen Sie uns ganz klar sagen: Wir alle können die Vorstellung nicht ertragen, dass ein neues Jahr für uns und die Flüchtlinge in den anderen Lagern wie auf Samos und Chios so beginnt.

Wir bitten Sie, das nicht geschehen zu lassen. Wir bitten Sie um einige sehr einfache und leichte Schritte (…) Wir bitten Sie, uns zu helfen, dies zu ermöglichen. Im Frühjahr war noch von Evakuierung die Rede, aber zu Weihnachten bitten wir Sie nur darum, dieses provisorische Lager zu reparieren und uns nicht den Rest des Winters an diesem Ort weiter leiden zu lassen…”

Offener Brief am 23. Dezember 2020 bei medico veröffentlicht , es ist ein Brief der medico-Partnerorganisationen und wird von vielen Flüchtlingen unterstützt


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Drainage (?!) in Lesbos (twitter vom 10.1.2021)

Maden im Essen am 16.1.2021 auf Lesbos

Geflüchtete aus dem Lager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos wenden sich in einem Brief an die EU-Kommission:

Sie fordern Hilfe - und ein Recht auf Mitbestimmung, wie es in Moria galt. (Von Marilina Görz y Moratalla, SWR)

Kurz vor Jahresende hat sich ein Großteil der Flüchtlinge auf Lesbos in einem "Weihnachtsbrief" an die europäische Öffentlichkeit gewandt. Darin üben sie harsche Kritik an der EU und an den verheerenden Zuständen im neuen Lager. "Selbst Tiere haben in der EU mehr Rechte und bessere Lebensbedingungen als wir. Jeden Tag leben wir in Angst und Not", heißt es in dem Brief, der dem SWR vorliegt.

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Wer krank sei, müsse mehrere Stunden in der Kälte auf eine medizinische Behandlung warten, es fehle immer noch an Heizungen, Strom, Wasser und Schutz vor Überschwemmungen, berichten die Menschen. Die Situation sei teilweise noch schlimmer als vor dem Brand in Moria. Das Schreiben soll noch heute der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen übergeben und bei der Hilfsorganisation medico international veröffentlicht werden. In Kara Tepe auf Lesbos kämpfen die Menschen gegen die Kälte und Krankheiten, die sich im Lager ausbreiten. | 17.12.2020

Forderung nach Eigenorganisation und Wertschätzung

Hinter dem Brief stehen fast 5000 der mehr als 7000 im Übergangslager Kara Tepe lebenden Flüchtlinge. Initiiert haben den Aufruf der 45-jährige syrische Ingenieur Raed al-Obeed und der 30-jährige Apotheker Omid Deen Mohammed aus Afghanistan. Die beiden Männer hatten bereits gemeinsam mit vielen anderen Flüchtlingen im abgebrannten Camp Moria dafür gesorgt, dass die Kinder Unterricht bekamen, dass die Müllabfuhr funktionierte und Flüchtlinge über das Coronavirus aufgeklärt wurden. "Im neuen Lager ist das nicht mehr möglich, dabei haben wir doch in der Vergangenheit bewiesen, dass wir das können", steht dazu in dem Brief.

"Sollen wir warten, bis wir sterben, oder dürfen wir uns endlich um uns selbst kümmern, wenn es die EU schon nicht tut?", fragt al-Obeed rhetorisch im Gespräch mit dem SWR. Endlich als Partner ernst genommen werden und in Entscheidungen mit einbezogen werden, lautet daher die zentrale Forderung der Flüchtlinge im Lager an die EU.

Nicht noch mehr Geld und Spenden

"Wir ersticken förmlich in gespendeten Jacken und Schuhen. Aber falls wie in Moria das Lager wieder brennen sollte, gibt es keine Feuerlöscher und nicht genügend Ärzte", beschreibt al-Obeed die dramatische Situation im Camp. In internationalen Medien hätten sie lesen können, wie viele Millionen an Spenden das Camp erhalten habe, schreiben die Flüchtlinge in ihrem Brief an die EU: "Wo ist das Geld geblieben? Warum kommt es nicht bei uns an?" Es könne nicht sein, dass Flüchtlinge von der Gunst der Hilfsorganisationen abhängig seien - zumal viele freiwillige Helfer aus Europa noch nicht einmal wüssten, wie man ein Rohr repariere.

Vor drei Monaten brannte das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ab. Seitdem sind Millionen an Spenden und Steuergeldern mobilisiert worden. Nach Informationen der EU-Kommission schickte diese rund fünf Millionen Euro an Hilfsgeldern für das Lager Kara Tepe. Die Bundesregierung stellte nach Angaben des Bundesinnenministeriums unmittelbar nach dem Brand zwei Millionen Euro für Personal und humanitäre Hilfsgüter zur Verfügung.

"Das Lager macht krank"

Auf Anfrage des SWR hat die EU-Kommission angekündigt, noch in dieser Woche für Heizungen in den Zelten zu sorgen und warme Duschen in Betrieb zu nehmen. Darüber hinaus hat die EU bereits winterfeste Zelte aufgestellt und der Aufbau der Schutzmaßnahmen gegen Überflutungen steht kurz vor dem Abschluss. Die Lebensbedingungen im Übergangslager seien in der Tat immer noch schwierig, sagt eine Sprecherin der EU-Kommission. 

Bis Herbst 2021 will die EU gemeinsam mit griechischen Behörden ein neues Lager auf Lesbos errichten. Dazu wurde Anfang Dezember eine Absichtserklärung zwischen der EU, Griechenland und der europäischen Migrationsbehörden unterschrieben. EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen versprach für anständige Bedingungen zu sorgen, aber auch die Gemeinden auf der griechischen Insel zu unterstützen.

Die Flüchtlingsorganisationen sorgen sich um die Stimmung im Lager. "Die Menschen sehen, dass Versprechen nicht gehalten werden und sind sehr verzweifelt. Das kann depressiv machen, aber auch aggressiv", sagt Thomas von der Osten-Sacken von dem lokalen griechischen Hilfswerk "Stand by me Lesbos". Im Winter sei die Hälfte des Lagers dauerhaft krank, viele wollten nur noch sterben. Unmut und Frustration würden wachsen - und dadurch könnten auch bedrohliche Situationen entstehen, warnt der Migrationsexperte.

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"Man will nicht, dass die Menschen ein erträgliches Leben haben"

Mit einem alltäglichen Bild skizziert Heidrun Primas die Situation zwischen Lagerverwaltung, struktureller Unterversorgung und den NGOs im Lager Kara Tepe auf Lesbos. Das Kochen sei zwar erlaubt, aber eine Feuerstelle sei verboten.

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Hier werden doppelbödige Situationen geschaffen: immer dort, wo sich die Menschen einrichten, eine gewisse Art von Geborgenheit erzeugen wollen, dort dürfen sie es eigentlich nicht. Infrastruktur für alltägliche menschliche Bedürfnisse ist einfach nicht vorhanden.

Heidrun Primas berichtet über ihre Erfahrungen als Helfende im Lager für geflüchtete Menschen Kara Tepe auf der Insel Lesbos. Sie geht auf Hilflosigkeit ein, militärische Lösungen für zivilgesellschaftliche Probleme, autoritäre vermeintliche Lösungen, die Sichtbarkeit und Rückkehr von Lagerrealitäten nach Europa, sowie die Differenzen zwischen europäischer Lokal- und Außenpolitik. Was die Rückkehr von Lagern nach Europa, die Kriminalisierung von Hilfsorganisationen und Biopolitics mit dem Bild von Europa machen, erläutert sie in einem Gespräch mit Lale Rodgarkia-Dara.

Heidrun Primas ist Vorstand im Grazer Forum Stadtpark und seit 6. Dezember für knapp einen Monat vor Ort. Sie engagiert sich als ehrenamtliche Helferin bei der ortsansässigen NGO home for all und als Gründungsmitglied des Unterstützungsvereins Flüchtlingshilfe/refugee assistance – Doro Blancke. Zu den Weihnachtstagen hat sie mit anderen Kunst- und Kulturschaffenden einen offenen Brief an die österreichische Bundesregierung verfasst, in dem sie sich für Menschenrechte und Menschenwürde sowie die Evakuierung des Lagers Kara Tepe einsetzen.
In der Nacht auf den 9. September 2020 brannte Moria, Europas größtes Lager für geflüchtete Menschen auf der griechischen Insel Lesbos. 7400 Menschen befinden sich aktuell im Lager Kara Tepe auf Lesbos. Forderungen der Zivilgesellschaft die Lager aufzulösen und Menschen in sichere Häfen, also aufnahmbereite europäische Städte und Kommunen zu bringen, erwirkten bislang keinen Kurswechsel in der österreichischen oder europäischen Außenpolitik.

Spenden für die humanitäre Arbeit in Lesbos der Grazer Aktivistin Doro Blancke:
Kontoinhaberin: Blancke Dorothea
AT93 3842 0000 0002 7516
Betreff: Lesbos

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